War Requiem 2012

Mein War Requiem und mein Nagelkreuz von Coventry oder: Kann man aus Krieg Poesie und Musik machen?

Petrus Klan
Petrus Klan

In den letzten Tagen haben mich – mehr oder weniger zufällig – einige Berichte über Kriege und Kriegsfolgen beschäftigt:  

  • In seinem Buch ›In Stahlgewittern‹ verwandelt Ernst Jünger die von ihm selbst erlebte Dramatik von Zerstörung und Tod an der Front des ersten Weltkrieges in Literatur.
  • Der Expressionist Armin T. Wegner beschreibt in seiner Erzählung ›Der Knabe Hüssein‹ das Grauen des Krieges in düsteren, aber zugleich kunstvollen und ergreifenden Worten.
  • In einem alten Radiointerview schildert die Dichterin Mascha Kaleko, wie sie 1956 durch das zerstörte Berlin ging und den leeren Platz, an dem einst das Romanische Café stand, von Nord nach Süd und von Ost nach West durchschritt. Dort hatte sie vor dem Krieg oft mit Freunden gesessen, die dann vom Krieg und im KZ umgebracht wurden. Sie konnte als Jüdin vor den Nazis fliehen. Erst jetzt kam sie wieder zurück.

Gestern, am 18. November 2012, ist Brittens großes Werk von der Bremerhavener Kantorei, zwei Orchestern, Solisten und dem Jugendchor unter der Leitung von Eva Schad und GMD Stephan Tetzlaff in der Christuskirche aufgeführt worden. Meine Frau und ich haben mitgesungen. Noch tief bewegt von dieser Erfahrung schreibe ich diesen Bericht.

Es war etwa vor einem dreiviertel Jahr – vielleicht im März 2012 – als ich Eva Schad nach einer Kammerchorprobe am Mittwoch sagte, ich sei noch nicht so recht entschieden, ob ich das ›War Requiem‹ von Benjamin Britten in der Stadtkantorei mitsingen könne. Ich sprach von »Doppelbelastung« durch »zwei Chöre«, und dass das alles doch recht viel sei angesichts meiner anderen Engagements. Da straffte sich die zierliche Gestalt unserer Kantorin vor mir. Sie funkelte mich an und sagte: »Herr Klan!« Pause. »Ein Chorsänger muss einmal in seinem Leben das ›War Requiem‹ gesungen haben, glauben Sie mir!« Und etwas leiser, fast beschwörend fügte sie hinzu: »Und ein Chorleiter muss das auch einmal in seinem Leben einstudiert und aufgeführt haben.«

Coventry-Kreuz
Coventry-Kreuz (Petrus Klan)

Diese von starkem Willen getragene Demut entwickelte sich in den vielen dann nachfolgenden Proben zu einer Mischung aus Trotz, Penetranz und Liebe zu dem Werk, getragen von einer großen Vision. Und gepaart mit stillen Phasen der Verzagtheit, von denen wir nichts mitkriegen sollten. Diese und wie viele andere Emotions- und Willensebenen muss sie durchlebt haben. Sie sagte damals im kleinen Kreis: »Wir können das jetzt machen, weil speziell die Männer im Chor derzeit gut aufgestellt sind«, und: »Wir schaffen das !!!« Drei Ausrufezeichen.

Und nun liegt sie hinter uns, diese Totenmesse für die Kriegstoten, das ›War Requiem‹ von Benjamin Britten, das 1962 erstmals in der neu wieder aufgebauten Kathedrale der mittelenglischen Stadt Coventry erklang. Stadt und Kathedrale waren 1940 von deutschen Bombern in Schutt und Asche gelegt worden. Am Tag nach der Zerstörung machte der dortige Gemeindepfarrer Reverend A. P. Wale aus drei großen Dachbalkennägeln ein Kreuz. Kleine Nachbildungen davon wurden später bei vielen deutschen Kirchentagen verkauft.

Plakat War-Requiem 2012
Benjamin Britten: War Requiem, November 2012

Wir, der Chor, konnten Evas starkem Willen und ihrer umfassenden, für sie selbstverständlichen Musikalität nicht immer folgen. Wie oft stolperten wir ihren musikalischen Vorstellungen hinterher! Immer wieder versuchte sie, uns in Bezug auf die bedrückenden Texte in wunderbaren poetischen und treffend beschreibenden Bildern Passagen des Werkes aufzuschlüsseln. (Allerdings glaube ich nicht, dass diese Poesie alle der 90 Sänger erreicht hat – auch weil sie oft so schnell und so schwäbisch rüberkam.) Unsere Chorleiterin bediente sich aller möglichen pädagogischen Tricks, um uns motiviert zu halten angesichts vieler so ungewöhnlicher Rhythmen und dissonanter Klänge. Keine Frage: sie ging mit diesem Werk an die Grenzen der Leistungsfähigkeit unseres Laienchores. Bei manchen Proben erschien uns das Ziel, diesem ›War Requiem‹ gerecht zu werden, absolut unerreichbar. Wie hilflos wir oft im Netz falscher Dissonanzen und Rhythmen zappelten! Dazu kam, dass wir so wenig Vorstellung von dem Gesamtklang hatten. In den letzten Proben engagierte Eva den exzellenten Pianisten Hartmut Brüsch, der die Gewalt des Orchesters imitierte, um uns unter anderem das Toben des Krieges und der Zerstörung in dieser Musik begreiflich zu machen. Es geht in diesem Werk um Krieg und Tod – eine Totenmesse. Wie kann man solches heute anders umsetzen als in einer vielschichtigen Klangsprache voller dissonanter Klänge, die aber immer wieder in tröstliche Harmonien münden?

Als in der Generalprobe die beiden Orchester und die Solisten über uns, den Chor, herfielen, erfuhren wir anfangs Verwirrung und eine große Verzagtheit. Was uns in diesen Stunden überleben ließ, war außer Evas motivierender Hartnäckigkeit der Jugendchor auf der Empore oben in der Kirche neben der Orgel. Von dort erscholl psalmodierender Gesang in strahlender Klarheit wie aus uralten heiligen Klöstern. Ein Trost.

Auf unserer Heimfahrt danach kam es unter uns fünf Nordenhamer Sängern zu Diskussionen und auch zu dem einen oder anderen zaghaft gemurmelten »Das schaffen wir nie!« oder »O Gott, wie soll das morgen nur werden?« Ich selbst spürte eine Anspannung, die mir eine unruhige Nacht bescherte und weit in den folgenden Tag anhielt.

So ging ich etwas unsicher in die Aufführung. Anderen Chorsängern ist es ähnlich ergangen. Beim Einsingen versuchte Eva, uns Mut zu machen wie ein Feldherr vor der Schlacht. Sie muss die Last gespürt haben, die auf uns lag. »Morituri te salutant«, sagten damals die Gladiatoren im römischen Zirkus zu Caesar beim Betreten der großen Arena (»Die sterben werden, grüßen dich«). Ich kam mir ein bisschen vor, als wäre ich einer von ihnen. Aber dann war da die tröstliche Äußerung von Eva beim Einsingen: »Wir sind gut vorbereitet!« – »Wichtig sind die Einsätze zur rechten Zeit. Denkt an die großen Linien.« Und: »Wir schaffen das, ihr werdet sehen !!!« Wieder drei Ausrufezeichen. Picasso hat einmal gesagt, dass er Angst hätte vor dem ersten Strich auf der leeren Leinwand. Obwohl er ein klares Konzept im Kopf hatte. Mag es so unserer Dirigentin Eva Schad ebenso gegangen sein, als das Konzert begann?

Das Orchester füllt den Raum mit dunklen, aber tröstlichen Klängen. Und wir stimmen mit dem »Requiem aeternam dona eis« (»Ewige Ruhe gewähre ihnen«) ein, lassen uns von der Musik tragen und gestalten sie – zunehmend mutiger werdend, singend, kämpfend, liebend, konzentriert und richtig schön. Eva hatte bei einer der letzten Proben gesagt, es käme wesentlich auf die großen Linien an. Das macht mir Mut, auch wenn ich mal mit einem Ton daneben liege.

War Requiem 11.2012-7
Benjamin Britten: War Requiem, 18. November 2012

Die Solisten sind stark und wirken sicher. Die beiden Orchester nehmen uns rücksichtsvoll in ihre Mitte. Eva hat bei Abschnitten mit Solisten und dem kleinen Orchester unter Leitung von GMD Stephan Tetzlaff immer wieder Erholungsphasen. Und kann wie ein Sportler zur rechten Zeit Atem holen. Wir unsererseits schaffen alle Drahtseilakte der schwierigen polyphonen und rhythmisch wie harmonisch komplizierten Stellen.

Etwa zehn Minuten vor dem Schluss bemerke ich, wie Eva ihre sonst fast tänzerische Lockerheit und konzentrierte Grazie aufgibt, ganz steif wird wie eine Statue und einen Moment inne hält. Kurz habe ich Sorge um sie, bis ich merke, was sie bewegen muss: »Das Meiste ist geschafft und war richtig gut.« Die schwierigsten Abschnitte liegen bereits hinter uns: das »Quam olim Abrahae …« (»Wie du einst Abraham verheißen …«) und vor allem das »Libera me …« (»Befreie mich«), dieser gewaltige Aufschrei aus den Ruinen, den menschlichen Nöten und Qualen. Nun verheißt der Jugendchor dort oben neben der Orgel mit engelsgleichem Gesang: Es soll auch im Angesicht des Todes Trost bleiben und Liebe. Ein Blick ins Paradies. Schließlich »Requiescant in pacem« (»Mögen sie in Frieden ruhen«) und »Amen«. Dann Stille. Und das lange Läuten der Kirchenglocken, bevor erst zaghaft, dann gewaltig der Beifall aufkommt. Ich habe weiche Knie und feuchte Hände. Meinem Nachbarn im Bass läuft der Schweiß von der geröteten Stirn. Das unsichere Empfinden, es könnte alles danebengegangen sein, ist davon. Wir sind erschöpft und glücklich. Man sieht Eva an, dass es ihr nicht anders geht. Einige von uns beobachten, wie Leute aus dem Publikum weinen. Bekannte aus Nordenham bestätigen uns wenig später den großartigen Gesamteindruck der Aufführung. Und auch manche Orchestermusiker sagen uns, wir seien richtig gut gewesen. In einer ruhigen Minute mache ich eine heimliche Verbeugung vor Benjamin Britten, vor allen Mitwirkenden und auch vor Eva Schad.

Kann man aus Krieg Poesie und Musik machen? Ich denke, man muss es sogar! Nur Poesie und Musik erreichen die Herzen und schaffen anhaltendes Gedenken.

Nach dem Konzert kamen meine beiden erwachsenen Kinder Alexander und Inez auf mich zu, beglückwünschten und umarmten mich und übergaben mir ein kleines Coventry-Nagelkreuz, das sie auf einem gemeinsamen Kirchentagsbesuch vor Jahren erworben hatten. Ich war zu Tränen gerührt.

Am Morgen nach dem Konzert wurde ich in einem Supermarkt in Nordenham von einem guten alten Freund fast überfallen. Er riss mich am Arm vor Begeisterung, kam dicht an mein Gesicht und sagte fast beschwörend:

Du, Petrus, das war eine ganz, ganz großartige Leistung von euch und ein gewaltiges und so wunderbares Konzert gestern Abend in Bremerhaven. Das Beste, was ich seit Langem erlebt habe!

Er wiederholte dies wie im Märchen dreimal. Und dann ist es wahr.

Petrus Klan (Nordenham)